
Die beiden Autoren Marcus Friese und Andreas Klöppel haben das recht ungewöhnlich formatierte Buch im Jahr 2024 vorgelegt. Es beschäftigt sich auf 143 Seiten mit der Entwicklung des Bauernhauses im Altenburger Land vom 16. bis zum frühen 20. Jahrhundert. Den Zeitrahmen bis zu den ganz in Stein ausgeführten jüngsten Bauten auszudehnen, begründen die Autoren mit der Vorbildwirkung der älteren Fachwerkarchitektur auf diese Steinbauten und oftmals weiter lebenden, aus dem Fachwerkbau übernommenen Konstruktionsdetails, beispielsweise an Dachstühlen.
Als Herausgeber des Buches fungiert die Interessengemeinschaft Bauernhaus e.V., die unsere Grabung in Posa kürzlich besuchte und es zum Dank an uns hinterließ. Das Werk erschien als Band 5 der IgB-Beiträge zur Hausforschung, die in unregelmäßiger Folge erschienen sind und die leicht mit den weitaus zahlreicheren Veröffentlichungen des „Arbeitskreises für Hausforschung“ zu verwechseln sind.
Dem Textteil des Bandes sind Grußworte der Geschäftsführerin Julia Ricker des IgB und des Vorstandsvorsitzenden des Vereins Altenburger Bauernhöfe e.V Martin Burkhardt vorangestellt. Den qualitativ hochwertigen Druck des Buches, der mit Mitteln aus der Europäischen Union und der Sparkassenstiftung des Altenburger Landes unterstützt wurde, besorgte eine Druckerei in der Tschechischen Republik.
Nach einer Einleitung untersuchen die Autoren zunächst sehr detailliert und lesenswert die Einbindung des Fachwerkbaus in die bäuerliche Kulturlandschaft. Mit einer detaillierten Karte (S.15) werden etwa die unterschiedlichen naturräumlichen Gegebenheiten innerhalb des Arbeitsgebietes dargestellt. In weiteren Unterkapiteln (S. 18-31) gehen die Autoren auf die verschiedenartigen Anforderungen an die zu errichtenden Bauten ein, die charakteristische Typen von Baulichkeiten vor dem Hintergrund der Bauherrenschaft – wie Bauerngüter, Rittergüter und Gemeindeeinrichtungen hervorbrachten. Damit wird der zu bearbeitende Quellenbestand klar umrissen.
Im dritten Kapitel des Buches wird die Fragestellung und der methodische Ansatz der Arbeit sehr detailliert und stringent dargestellt. Es offenbart sich hier die hohe Professionalität der Autoren bereits bei der Entwicklung und Eingrenzung des Untersuchungsgegenstandes. Das Untersuchungsgebiet wird mit dem Ostkreis des ehemaligen Herzogtums Sachsen-Altenburg klar umrissen. Diese Eingrenzung des Arbeitsgebietes bedingt auch die Einbeziehung von Bauten, die heute in den Kreisen Greiz, Burgenlandkreis, Leipzig, Mittelsachsen und Zwickau liegen. Erst eine solche Zugrundelegung einer historisch gewachsenen Struktur über heutige Kreis- und Bundesländergrenzen hinweg führt nach unserer Meinung zu einem breiteren Erkenntnisgewinn. Das ist den Autoren umfassend gelungen.
Sehr kritisch beschreiben die beiden Autoren die Quellenlage ihrer Untersuchung. Zunächst gehen sie auf die unterschiedlichen Einflussfaktoren ein, denen der Gegenstand ihrer Untersuchungen im Laufe der Zeit ausgesetzt war (S.34,35). Ein weiteres Kapitel (S.36,37) beschäftigt sich ausführlich mit Datierungsfragen und legt auch hier die Datenlage und den methodischen Ansatz der Autoren klar dar.
Auf die bildliche Darstellung der zu behandelnden Objekte gehen die beiden Autoren in einem weiteren Kapitel (S.38,39) detailliert ein. Diese Erläuterungen sind angemessen und notwendig, ist es doch gerade diese Darstellungsweise, die mit der hergebrachten Sicht auf alte Häuser bewusst bricht. Alle Bauten sind in maßstäblichen Ansichten, Grundrissen und Schnitten dargestellt, die in einem stringenten und einheitlichen Zeichnungsstil erstellt wurden. Eine weitere Besonderheit dieser Darstellungsform ist der Verzicht der Autoren auf die Abbildung baulicher Veränderungen, sondern immer der Versuch, die ursprüngliche Gestalt des Bauwerkes sehr gelungen zu rekonstruieren. Dem Betrachter bleiben damit oft unscharfe ältere Fotografien mit entstellenden Umbauten und der Anblick von Ruinen erspart, die doch so oft zur Bebilderung derartiger Werke dienen und diesen oft einen etwas melancholischen Charakter verleihen.
Der große Gewinn der von den Autoren gewählten Darstellungsweise ihrer Untersuchungsobjekte liegt zum einen in einer sehr guten Vergleichbarkeit der Bauten untereinander. Zum anderen ist es die oft rekonstruierende Zurückführung des jeweiligen Gebäudes auf den Zustand der Erbauungszeit, dessen fachlich korrekte Umsetzung durch die Expertise der Autoren man zweifellos annehmen kann. Zum Dritten ist es die gelungene grafische Umsetzung, die die Gebäude in einer fiktionalisierten Umgebung zeigt, welche das Betrachten der einzelnen Bauten wirklich zu einem einzigartigen Erlebnis macht. Die Liebe zum Detail zeigt sich in den am Rechner erstellten Zeichnungen beispielsweise an sehr gut herausgearbeiteten Licht- und Schattenverläufen, ja sogar beispielsweise an Tauben, die den First eines Hauses in Naundorf (Gößnitz) (S. 66) bevölkern. Diese lebendige Darstellungsweise, die konsequent auf die Abbildung von baulicher Verschandelung, Verfall und Abriss verzichtet, verleiht dem Werk einen einzigartigen optimistischen und nostalgiefernen Impetus, an dem es oft bei vergleichbaren und mit (meist historischen) Fotografien bebilderten Werken naturgemäß mangelt.
Als winziger Kritikpunkt wäre allenfalls anzumerken, dass man Kapitel 3 vielleicht besser an den Anfang der Ausführungen platziert hätte.
Im vierten Kapitel legen die Autoren schließlich ihre Forschungsergebnisse dar. Zunächst werden die herausgearbeiteten Entwicklungsphasen I bis V von Wohn- und Wirtschaftsgebäuden sowie von Scheunen und Schuppen anhand idealisierter Abbildungen sehr instruktiv dargestellt (S.41-45). Die in der Abbildung auf Seite 41 chronologisch aufgeschlüsselte Datenbasis von 432 Gebäudedatierungen dient hierfür als Grundlage. Diese Daten belegen nicht nur den enormen Arbeitsaufwand, dem sich die Autoren unterzogen haben, sondern – weitaus wichtiger – die Tatsache, dass die Untersuchung auf einem sehr soliden Fundament steht.
Mit der Phase I werden die Ständerbauten des 16. Jahrhunderts vorgestellt (S. 46-57). Jeder Darstellung der Bauten einer Phase ist ein allgemeiner Text vorangestellt, der die Abgrenzung und die Charakteristik der jeweiligen Phase ausführlich darlegt. Immer wieder greifen die Autoren zum Mittel der chronologischen Einordnung bestimmter Gestaltungselemente am Fachwerkbau auf einer Zeitskala. Als Beispiel für dieses Vorgehen sei die chronologische Kartierung der Merkmale Verblattung und Verzapfung auf Seite 48 genannt. Auch hier werden die Unterschiede der bearbeiteten Details instruktiv mit Detailzeichnungen bebildert.
Im Anschluss an den allgemeinen Teil werden typische Bauten mit umfangreichen Erläuterungen zur Datierung und zur Bauabfolge sowie dem Schicksal des jeweiligen Gebäudes vorgestellt.
Mit der Phase II wurden von den Autoren frühe Stockwerksbauten mit geblatteten Kopfbändern erfasst, die in das 17. Jahrhundert datieren (S. 58-73). In Phase III wurden Stockwerksbauten mit geschosshohen Streben des 18. Jahrhunderts zusammengefasst (S.74-93). Immer wieder verweisen die Autoren auf das Vorkommen von Mischformen und der oft gleichzeitigen Ausführung unterschiedlicher Gebäudeteile in Fachwerk verschiedener Phasen. Gerade dem Herausarbeiten von Vorkommen verschiedener Fachwerkphasen an einem baueinheitlichen Objekt gehen die Autoren oft sehr detailliert nach und erliegen hier nicht der Versuchung einer Unterordnung der Bauweise unter das Primat der Chronologie. Gerade an diesen Punkten gelingt es der Arbeit, die hohe Variabilität der Fachwerkbauweise im ländlichen Bereich herauszuarbeiten, die ganz offensichtlich – und das zu zeigen ist ein großes Verdienst der Autoren – einer nur oberflächlichen Betrachtungsweise nicht gerecht wird.
Mit Phase IV wird das Leiterfachwerk des 19. Jahrhunderts besprochen (S. 94-113), während der vorletzte Abschnitt des Hauptkapitels mit Phase V die Versteinerung des Fachwerkbaus behandelt (S. 114-129).
Eine Zusammenfassung (S.81,82) schließt das Kapitel ab. Der größere Teil dieses abschließenden Kapitels ist jedoch dem Ausblick auf die Entwicklungen bis in die Zeit der Neubauernhäuser und die Erwähnung der Verluste an Fachwerksubstanz in jüngerer Zeit gewidmet.
Im umfangreichen Anhang des Buches findet sich zunächst die detaillierte Aufstellung der im Buch dargestellten Fachwerkbauten (S.134-135). Diese tabellarische Aufstellung zeigt nicht nur die intensive Beschäftigung der Autoren mit dem von ihnen bearbeiteten Stoff, sondern illustriert mit der Spalte „Zustand“ auch die großen Verluste an Substanz, dem gerade der ländliche Fachwerkbau unablässig unterworfen ist. Ein umfangreiches Literaturverzeichnis (S.136-139) und ein hilfreiches Glossar (S.140-142) schließen das Werk ab.
Mit der Untersuchung zum ländlichen Fachwerkbau im Altenburger Land ist den beiden Autoren Marcus Friese und Andreas Klöppel ein Werk gelungen, welches durch wissenschaftliche Evidenz, Klarheit und nicht zuletzt durch die Schönheit und Klarheit der Abbildungen besticht. Dieses Werk sei allen ans Herz gelegt, die sich für die ländliche Baugeschichte interessieren. Mit diesem Werk wurde eine wissenschaftlich fundierte Untersuchung vorgelegt, die nicht nur bei heimatgeschichtlich interessiertem Publikum zahlreiche Leser finden wird, sondern die auch Maßstäbe bei einer Bearbeitung vergleichbarer Bauten in anderen Regionen setzen dürfte.
Insofern ist der Einschätzung von Martin Burkhardt in seinem Grußwort am Anfang des Buches nur zuzustimmen: „Das Buch wird mindestens für das nächste Jahrzehnt ein Standardwerk der mitteldeutschen Hausforschung und ist aus meiner Sicht ein Muss in den Bücherschränken aller Freunde der ländlichen Architektur“ (S.5).
Dem ist nichts hinzuzufügen.


