Blog zur archäologischen Forschung in Zeitz

Der Ziegelfries aus dem Kloster Posa. Ein frühes Beispiel architektonischer Terrakotta in Mitteldeutschland


Bild: Digitale Rekonstruktion des Fries, Philipp Baumgarten, 2024.

Die bei archäologischen Untersuchungen auf dem Klosterberg Posa geborgenen Fragmente eines ornamentierten Ziegelfrieses stellen ein bemerkenswertes Zeugnis mittelalterlicher Bauzier im heutigen Sachsen-Anhalt dar. Es handelt sich um plastisch gearbeitete Elemente aus gebranntem Ton, mithin um Architektur-Terrakotten, die als Reliefziegel in ein Mauergefüge integriert waren. Die Bruchstücke erlauben die Rekonstruktion eines durchlaufenden, bandartigen Frieses, der ursprünglich als horizontales Gliederungselement angebracht war und vermutlich in einer oberen Wandzone, vielleicht als Gesimsband, verlief. Die von den erhaltenen Fragmenten ausgehende Rekonstruktion zeigt ein fortlaufendes System aus ineinandergreifenden Ranken und vegetabilen Motiven.

Bereits die Materialität verweist auf eine bewusste gestalterische Entscheidung, denn Ziegel wurde hier nicht nur als Baustoff, sondern als künstlerisches Mittel gewählt. Auffällig ist dabei vor allem, dass die bekannte Bauplastik des ehemaligen Klosters sonst in Naturstein ausgeführt wurde. Der Fries nimmt damit innerhalb des bislang bekannten Baubestandes von Posa eine Sonderstellung ein.

Das Ornament folgt dem Prinzip eines laufenden Kymations. Rhythmisch aufeinanderfolgende Rankenbögen umschließen palmettenartige Motive, zwischen denen sich tropfenförmige Fruchtkörper einfügen. Die Blätter sind fächerförmig, teilweise mit eingerollten Enden gestaltet und erinnern an stilisierte Akanthus- oder Weinblattformen. Die Fruchtmotive zeigen auf einem kompakten Grundkörper mehrere plastisch hervortretende Rundungen. Diese Punktierung ist nicht als bloße Oberflächentextur zu verstehen, sondern kann als schematische Andeutung einzelner Beeren innerhalb einer Traubenrispe interpretiert werden. Zwischenräume und Übergänge sind glatt belassen. Eine fein verteilte Samenstruktur, wie sie für gotische Erdbeerdarstellungen charakteristisch wäre, fehlt. Damit spricht die Form eher für eine abstrahierte Weintraube als für eine naturalistische Erdbeere.

Stilistisch steht der Fries in der Tradition romanischer Vegetalornamentik. Die Komposition ist streng rhythmisiert und vorwiegend symmetrisch aufgebaut, wodurch die Plastik kontrolliert und maßvoll wirkt. In der Verbindung von Ranke, Palmette und Fruchtmotiv lässt sich der Fries zugleich im Kontext der christlichen Bildtradition der Lebens- oder Weinranke lesen. Seit dem Hochmittelalter besitzt die Weinrebe – nicht zuletzt vor dem Hintergrund des Wortes Christi „Ich bin der Weinstock“ (Joh 15,1) – eine ausgeprägte christologische Bedeutung. Die Verwendung eines solchen Motivs innerhalb eines klösterlichen Bauzusammenhangs wäre daher ikonographisch schlüssig.

Eine weiterführende kunsthistorische Einordnung nahm Prof. Dr. Ute Engel von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg beim Tag der Archäologie am 21. März 2026 in Zeitz vor. In ihrem Vortrag zum Ziegelfries aus Kloster Posa stellte sie den Fund in einen größeren Zusammenhang mittelalterlicher Baukeramik und verwies auf Vergleichsbeispiele, die zeigen, dass die plastische Gestaltung gebrannten Tons im Hochmittelalter keineswegs auf einfache Profil- oder Schmuckziegel beschränkt war.

Von besonderem Interesse ist dabei die Klosterkirche Lehnin. An ihrem Langhaus begegnet in jüngeren Bauabschnitten eine aufwendige Ziegelfriesgestaltung mit vegetabilen Formen. Lehnin bietet damit einen wichtigen Vergleich für die Verwendung seriell angelegter ornamentaler Ziegel als Bestandteil anspruchsvoller hochmittelalterlicher Klosterarchitektur. Der Vergleich bedeutet dabei keine unmittelbare formale Gleichsetzung mit Posa. Er zeigt vielmehr, dass gebrannter Ton im sakralen Bauen über seine konstruktive Funktion hinaus gezielt als Träger architektonischer Ornamentik eingesetzt wurde.

Noch näher an die plastische Ausformung des Posaer Fundes führt ein von Engel vorgestelltes Beispiel aus dem ehemaligen Zisterzienserkloster Ihlow. Das dort gefundene Flachrelief aus Ton verweist auf eine Form mittelalterlicher Baukeramik, bei der das Material nicht lediglich durch Profilierung oder die Anordnung einzelner Formziegel ornamentale Wirkung entfaltet, sondern selbst zum Träger eines plastisch ausgearbeiteten Reliefs wird. Engel stellte den Ihlower Fund dabei in einen größeren Zusammenhang mit vergleichbaren Erscheinungen in Doberan, North Berwick und weiteren Zisterzienserklöstern.

Für die Einordnung Posas ist dieser Vergleich besonders aufschlussreich. Lehnin belegt die Verwendung aufwendiger Ziegelfriese innerhalb hochmittelalterlicher Klosterarchitektur; Ihlow und die von Engel genannten zisterziensischen Vergleichsbeispiele zeigen darüber hinaus die Verwendung von gebranntem Ton als Material plastischer Bauzier. Der Posaer Fries verbindet beide Aspekte: Er ist als wiederholbares Element Bestandteil eines fortlaufenden architektonischen Frieses und zugleich Träger einer ausgeprägten vegetabilen Reliefplastik.

Auch im Vergleich mit der steinernen Bauplastik des 12. Jahrhunderts wird diese Besonderheit deutlich. Formale Parallelen lassen sich zu Akanthus-, Palmetten- und Rankenmotiven romanischer Kapitell- und Friesplastik ziehen. Während dort Naturstein als Trägermaterial dient, wird in Posa eine vergleichbare ornamentale Vorstellung in gebranntem Ton umgesetzt. Der Fund dokumentiert damit die Übertragung etablierter Formen plastischer Bauzier in ein anderes Material.

Die von Ute Engel aufgezeigten Vergleiche erweitern damit den Blick auf den Posaer Fund erheblich. Er erscheint nicht als isolierte Ausnahme, sondern lässt sich in einen größeren hochmittelalterlichen Zusammenhang anspruchsvoller Baukeramik einordnen. Bemerkenswert bleibt jedoch die konkrete Verbindung von fortlaufendem Rankenfries, vegetabiler Reliefplastik und serieller Herstellung, die dem Posaer Fund innerhalb dieser Tradition einen eigenständigen Charakter verleiht.

 

Im Bild: Die Fundstücke des Ziegelfries, die an unterschiedlichen Orten der Grabung in Posa im Verlauf der letzten Jahre gemacht wurden.
Fotos: Philipp Baumgarten.