Zwischen der Grabungsplanung und der späteren Ausführung liegen manchmal Welten. Die Unsicherheit über die Befunderhaltung und die Befunderstreckung sind die Treiber dieser Entwicklung. So auch im späten Winter dieses Jahres.
Geplant war – endlich! – ein großer Schnitt im Vorderhof des Klostergeländes. Hier liegt der Westabschluss der Klosterkirche und ihres Vorgängerbaus, der Kathedrale. Bevor wir das Ganze großflächig angehen, haben wir mehrere Suchschnitte angelegt. Diese erbrachten zunächst ein ernüchterndes Ergebnis: Eine riesengroße Düngegrube aus dem 19. Jh., von der wir aus Plänen wussten, erwies sich als so tief, dass wir von einer archäologischen Erkundung dieses so wichtigen Bereiches zunächst Abstand nehmen mussten. Mittlerweile ist über dem großen Erkundungsschnitt erstmal wieder Gras gewachsen.
Um die uns zur Verfügung stehenden Mittel effektiv einzusetzen, haben wir uns nach wenigen Tagen der Einkehr entschlossen, zunächst unsere Erkundungen im Süden des Klostergeländes fortzusetzen. Dieses Areal ist hochspannend, konnten wir doch bereits im letzten Jahr eine durchgängige Nutzung vom 9. Jh. bis zum Ende der Klosterzeit belegen. Mehrere hundert Kilo Keramikscherben und Tierknochen aus der mittelalterlichen Klosterküche lieferten erstmals Aussagen zur materiellen Ausstattung des Klosters. Noch ist nichts aufgearbeitet oder ausgewertet, doch lässt sich jetzt schon sagen, dass Brühe aus Rinderknochen und Schweineköpfen eine ganz wichtige Grundlage für die Ernährung der Mönche war. Was bisher fehlte, war die südliche Klostermauer. Das Geländeprofil ist durch den Abriss der Klostergebäude so stark verändert worden, dass eine Voraussage, wo diese liegen würde, schlicht nicht möglich war. Ganz wichtig im Süden ist natürlich die Befestigungssituation der fränkischen Burg des 9. Jhs. Hier konnten wir ja bereits im letzten Jahr den Wall finden, der die Kernburg nach Süden begrenzt. War diesem Wall ein Graben vorgelegt? Strategisch wäre das nicht unbedingt notwendig gewesen. Wenn wir einen Graben finden würden, wäre das ein weiteres Zeichen für den hohen Symbolgehalt, den eine solche Burganlage neben der tatsächlichen Verteidigungswirkung ins Umland ausstrahlte.
Und nicht zuletzt ist die Fläche im Süden des Geländes für die Beantwortung weiterer Fragen zur Bischofspfalz ganz wichtig. Da geht es zum einen um die weitere Freilegung der Südwand des Bischofspalastes, aber auch um die Frage, wie denn die Bischofsburg befestigt war. Der Wall wurde ja mit dem Palastbau aufgegeben. Bildete fortan die Südwand des Palastes einen Teil der Befestigungsmauer oder hat man in einem gewissen Abstand im 11. Jh. eine eigenständige Befestigungsmauer errichtet? Letzteres ist zu erwarten und wir sind gespannt!
Nachdem der schnelle Entschluss gefasst war, unsere alte, bis dahin noch offene Grabungsfläche nach Süden zu erweitern, musste alles schnell gehen. Wir hatten nur noch wenige Tage Zeit, das hier stehende Gestrüpp naturschutzrechtlich konform zu beseitigen. Ganz herzlich möchte ich mich an dieser Stelle beim Grünflächenamt der Stadt Zeitz bedanken, das das Ganze superschnell und unbürokratisch möglich gemacht hat! Am 3. März konnte der Bagger rollen!
Noch vor Beginn der Baggerarbeiten gab es einen Aha-Moment. Durch die freie Fläche konnte man endlich wieder aus Richtung Osten das sogenannte Abtshaus des Klosters wahrnehmen! Die leichte Hanglage tut ein Übriges! Das überaus imposante Bauwerk wurde als Gästehaus des Klosters im dritten Viertel des 13. Jhs. erbaut und führt heute ein Schattendasein im Hinterhof des Domänengeländes. Die Fernwirkung seiner romanischen Fassade – es ist der älteste Zeitzer Profanbau – wird heute fast vollständig von einer Garage aus den 50er Jahren des 20. Jhs. beeinträchtigt, die mit ihrer anspruchslosen, gleichsam nicht vorhandenen Architektur immer noch die entsetzliche Tristesse der DDR-Zeit atmet.
Nachdem es uns gelungen war, die kleinen Hürden zu überspringen, die uns am Weitergraben im Süden in den Weg gestellt wurden, konnte endlich gebaggert werden. Im Ergebnis ist eine Fläche entstanden, mit der man wirklich etwas anfangen kann! Auch hierfür galt es einen Preis zu zahlen: Die bisher immer noch freiliegenden Mauern, die wir in den letzten Jahren ergraben hatten, mussten wir leider wieder zuschütten, es gibt einfach keinen Platz für Abraum mehr auf Posa.
Was jetzt als Grabungsfläche vor uns liegt, ist einzigartig: Die Klostermauer nach Süden ist schon erkennbar. Das bereits im vorigen Jahr erfasste Pflaster reicht bis an die Mauer heran. Wir haben hier wirklich einen zweiten, spätmittelalterlichen Klosterhof vor uns! Auch das Refektorium liegt zu einem kleinen Teil innerhalb der neuen Untersuchungsfläche. Das war der Speisesaal der Mönche, malerisch nach Süden ausgerichtet und mit einer reich durchfensterten Fassade versehen.
Ganz interessant ist ein schmaler Vorraum oder Gang vor der Westwand des Refektoriums. Hier gibt es einen Fußboden aus Sandsteinplatten und einen kleinen Herd, der wahrscheinlich dem Warmhalten der aus der Küche herbeigeschafften Speisen diente. Der Vorraum ist erst ziemlich spät erbaut worden, frühestens in der zweiten Hälfte des 15. Jhs. Bisher habe ich noch keine vergleichbare Disposition in einem anderen Kloster gefunden. Der ungewöhnliche Bau und der ebenfalls sehr ungewöhnliche zweite Klosterhof zeigen, dass es den Mönchen in der späten Klosterzeit ziemlich gut gegangen zu sein scheint.
In den nächsten Monaten werden wir nun erstmal den Vorraum genau untersuchen. Dabei werden wieder Unmengen von Knochen und Scherben zutage kommen, weil man auch hier vor dem Bau die Abfälle aus der Klosterküche entsorgt hat. Im Süden, nach dem Fockendorfer Grund zu, zeigen sich bisher nicht deutbare Mauerreste. Gab es hier vielleicht eine Pforte oder eine große Heizanlage? Und liegt unter allem der Graben des 9. Jhs.? Es bleibt spannend!






