Das von Paul Fridolin Kehr herausgegebene Urkundenbuch des Hochstifts Naumburg in der Bearbeitung von Wilhelm Rosenfeld (erschienen 1925) stellt bis heute eine zentrale Quellensammlung für die Frühgeschichte von Zeitz und Naumburg dar. Es handelt sich um eine klassische diplomatische Edition, die die bekannten Urkunden zur Geschichte des Hochstifts kritisch zusammenfasst, mit Regesten, Volltexten und Anmerkungen zur Echtheit und Überlieferung. Der Wert des Werkes liegt weniger in der endgültigen Beantwortung von Fragen zur Authentizität einzelner Stücke – viele Urkunden sind hier, wie die Schenkung Ottos II. an Zeitz, bereits als problematisch gekennzeichnet – sondern in der systematischen Bereitstellung der gesamten schriftlichen Grundlage für die Erforschung der Region. Gerade für die Archäologie und unsere Arbeit eröffnet ein solches Urkundenbuch manchmal mitunter den entscheidenden Ausgangspunkt. Denn die Schriftquellen liefern Hypothesen über Besitzverhältnisse, Bauaktivitäten oder institutionelle Entwicklungen, die im Boden überprüft oder widerlegt werden können. Am Beispiel des kürzlich identifizierten Pfalzstandortes Posa zeigt sich, wie eng Urkundenforschung und Archäologie verflochten sind. Wenn eine Urkunde eine Bischofskirche, Dörfer oder Ausstattungen erwähnt, stellt sich unmittelbar die Frage nach baulichen und materiellen Spuren dieser Strukturen. Archäologische Untersuchungen könnten dann im besten Fall nicht nur Zweifel an der Authentizität an Urkunden stützen oder entkräften, sondern auch zeigen, dass hinter formelhaften Besitzübertragungen reale Architektur, also Siedlungen oder Landschaftsveränderungen standen. Rosenfelds Edition fungiert damit als Scharnier zwischen Diplomatik und materieller Kultur, indem sie aus verstreuten Schriftzeugnissen ein Arbeitsinstrument macht, das die Forschung zu einem Ort wie Posa gezielt lenken kann. Es sei jedoch auch erwähnt, dass die wenigen Urkunden aus der Frühzeit des Bistums kaum hinreichend viele und deutliche Formulierungen überliefern, die sich in der derzeitigen Befundelage der Archäologie als offensichtlich erweisen. Trotz der recht eindeutigen Grabungsergebnisse über die frühe Bistumszeit, bleibt die schriftlich überlieferte Quellenlage gering.
Die Urkunde Kaiser Ottos II. von 1. August 976, in der er der Zeitzer Kirche die Stadt Altenburg, die Stadt Zeitz und eine Reihe weiterer Orte, darunter Memleben, zahlreiche andere Dörfer, Kirchen und Besitzungen überträgt, stellt, wenn sie zumindest im Kern authentisch ist, ein wichtiges Dokument für das Verständnis der ottonischen Kirchengründungspolitik im ostsächsischen Raum dar. Quellenkritisch ist die Urkunde seit dem 17. Jahrhundert diskutiert: Eylenberg und Schlegel leiteten aus stilistischen Auffälligkeiten und abweichenden Zeugenlisten Zweifel ab. Auch neuere Editionen wie in den Monumenta Germaniae Historica und in den Regesta Imperii notieren die Urkunde mit Vorbehalt, insbesondere hinsichtlich Jahresangaben und diplomatischer Form. Dennoch passt ihr Inhalt weitgehend zu den gesicherten Schilderungen in Thietmar von Merseburg bezüglich der Ausstattung des Bistums Zeitz und seiner frühen Bischöfe. (vgl. Thietmar, ed. Kurze).
Die Bedeutung dieser Urkunde ist in mehrfacher Hinsicht herausragend. Politisch und geopolitisch reflektiert sie die Strategie des ottonischen Königtums, die Mission in slawischen Gebieten mit klaren Besitz- und Herrschaftsstrukturen zu verbinden, und die Einrichtung von Bistümern wie Zeitz nicht als bloße Missionsstützpunkte, sondern als dauerhafte Institutionen mit Territorialrechten und Ökonomie zu versehen. Die Übertragung von Altenburg und Memleben sowie von Dörfern und Höfen deutet auf eine erhebliche ökonomische Grundlage hin, mit der ein Bistum stabil existieren konnte.
Vor diesem Hintergrund gewinnen die archäologischen Befunde auf dem Bergsporn Posa seit etwa 2023 eine besondere Relevanz. Die Forschungen haben gezeigt, dass auf dem Posaer Berg bereits im 9. Jahrhundert eine Burganlage bestand und dass dort schon im 10. Jahrhundert ein Kirchenbau vorhanden gewesen ist. Es wurde das Fragment eines Palastbaus entdeckt, das bisher über eine Länge von 28 Meter verfolgt werden konnte, mit rechteckigem Grundriss und Altan (nicht bloß ein Wohnturm), verbunden mit qualitätvollen sichtbaren Mauern im Erdgeschoss, was auf einen repräsentativen Pfalzbau hindeutet. Auch eine Mauerstärke von 180cm unterstreicht die Charakteristik dieses Baus.
Die archäologischen Befunde stimmen insofern mit den Inhalten der Urkunde überein, als sie ein materielles Fundament für die in der Urkunde beanspruchte Ausstattung liefern. Insbesondere der Umstand, dass Zeitz bereits früh über eine Pfalz verfügt, stützt die These, dass der Ort nicht nur nominell, sondern tatsächlich als zentraler Standort gedacht war. Ausgestattet mit repräsentativer Architektur, mit Verwaltungs- und mit territorialer Kontrollfunktion. Zudem ist der Zeitraum der Nutzung des Bergsporns Posa als Pfalzstandort plausibel vom Gründungszeitraum des Bistums (968) bis zur Verlegung des Bischofssitzes nach Naumburg 1028 datiert. Doch nicht nur das: Bis zur Ankunft der Hirsauer Mönch um 1114 wird die Anlage weitergenutzt und um- und ausgebaut. Antworten auf die Frage nach dem Bauherrn dieser Zeit vermag uns die Schriftquelle nicht zu geben.
Die Urkunde würde aber zusammen mit den archäologischen Erkenntnissen Zeitz als ein durchaus machtpolitisch wichtiges Zentrum des ottonischen Reiches positionieren: Es hätte die Funktion eines Netzwerksknotenpunkts zwischen Magdeburg (als Erzbistum), Merseburg und Meißen, und zugleich wäre Zeitz als Grenzposten an der slawischen Grenze gesichert gewesen, nicht nur durch Missions‐ und Kirchenpolitik, sondern durch reale ökonomische und bauliche Investitionen. Die Ausstattung mit Altenburg und Memleben zeigt die Verknüpfung mit imperialen Erinnerungskulten und Herrschaftsikonographie.
Aus Sicht der Quellenkritik bleibt festzuhalten, dass manche Details der Urkunde wahrscheinlich spätere Ergänzungen sind. Ortsnamen könnten verändert oder überliefert sein; Zeugenlisten ergänzt oder korrumpiert; Jahreszahl und formale Elemente stilistisch modernisiert. In der neueren Literatur wird die Urkunde manchmal als „inspiriert von echten Urkunden Ottos II.“ bezeichnet – etwa in Forgery and Memory at the End of the First Millennium (2021), wo solche Schriftstücke auf ihren erinnerungspolitischen und legitimierenden Charakter hin untersucht werden.
In der Summe lässt sich sagen, dass die Urkunde von 976, zusammen mit den Grabungsergebnissen der Pfalz auf Posa, eine Neubewertung von Zeitz erzwingt. Zeitz war nicht peripher, sondern integraler Bestandteil der ottonischen Reichs- und Kirchenstruktur, ausgestattet mit realen materiellen Mitteln, vertreten durch eine Pfalz, die Repräsentation und Herrschaftsbefugnis signalisierte. Zeitz war in ottonischer Zeit kurzfristig ein Zentrum von Macht und Verwaltung, Mission und Erinnerung und die archäologischen Funde der letzten Jahre bringen nun manche bis dato schriftlich überlieferte Ansprüche in greifbare Nähe zurück.



