Blog zur archäologischen Forschung in Zeitz

Die Domfreiheit und die Frage nach dem Ursprung

Der am 17.3.2026 erschienene Zeitungsartikel in der MZ zur „herausragenden Geschichte“ der Zeitzer Domfreiheit zeichnet ein eindrucksvolles Bild der historischen Bedeutung dieses Areals. Gerade weil die Aufmerksamkeit für die Geschichte der Stadt grundsätzlich zu begrüßen ist, bedarf die Darstellung jedoch einer fachlichen Einordnung.

Denn der Beitrag vermittelt an zentraler Stelle ein verkürztes Bild der frühen Entwicklung von Zeitz.

Unstrittig ist, dass die Domfreiheit zu den ältesten Siedlungsbereichen der Stadt gehört. Die archäologischen Untersuchungen, die von April bis Oktober von 1995 unter der Leitung von Holger Rode stattfanden, belegen eine „im 10. und 11. Jahrhundert einsetzende Nutzung“1. Anhand eines freigelegten Trockengrabens – der die Domimmunität begrenzt haben könnte ­– mit einer Verfüllung aus dem 11. JH zeigt sich die Einbindung des Areals in den hochmittelalterlichen Dombezirk und sie unterstreichen dessen Bedeutung innerhalb der sich entwickelnden Stadt.

Nicht haltbar ist jedoch die implizite Gleichsetzung dieser Befunde mit der frühesten Phase des Bistums Zeitz.

Bereits der langjährige Stadtarchäologe Holger Trimpert hat in seinen grundlegenden Arbeiten darauf hingewiesen, dass die Frage nach dem ursprünglichen Sitz des Bistums keineswegs eindeutig zu beantworten ist2. Vielmehr beschreibt er ein Nebeneinander und eine Entwicklung verschiedener Macht- und Siedlungszentren im Raum Zeitz. Insbesondere hebt er die Bedeutung der Burg Posa hervor, die aufgrund ihrer Dimension, strategischen Lage und Befundlage als zentraler Ort der Region im 10. Jahrhundert anzusehen ist.

Trimpert macht zudem deutlich, dass die Ausbildung eines Bischofssitzes ein Prozess war – kein punktuell fassbares Ereignis an einem eindeutig lokalisierbaren Ort. Die spätere Entwicklung im Bereich der Moritzburg ist demnach Teil dieser Dynamik, aber nicht zwingend ihr Ausgangspunkt.

Gerade deshalb ist es problematisch, wenn in der öffentlichen Darstellung eine scheinbar klare Linie gezogen wird: von der frühen Besiedlung der Domfreiheit direkt hin zum Ursprung des Bistums. Für eine solche Verkürzung fehlt trotz erfolgter Forschung der archäologische Nachweis.

Die Grabungen im Bereich der Moritzburg haben wichtige Erkenntnisse geliefert, aber keinen eindeutigen Beleg dafür erbracht, dass sich hier der ursprüngliche Bischofssitz befand. Diese Differenzierung ist entscheidend und sie wird im Zeitungsartikel nicht vorgenommen.

Gleichzeitig belegen sich durch die jüngsten Untersuchungen auf dem Gelände des Klosters Posa, die Hinweise auf eine frühere und primäre Funktion dieses Ortes im Zusammenhang mit der Bistumsgründung3. Die dort nachgewiesenen großformatigen Profan- und Sakralbauten des 10. und 11. Jahrhunderts sprechen eine klare Sprache und verlangen eine Neubewertung der bisherigen Deutungen.

Vor diesem Hintergrund muss die Domfreiheit anders verstanden werden. Nicht als angrenzender Siedlungsplatz des ursprünglichen Bistumsstandorts, sondern als Teil einer späteren Besiedlung der sich entwickelnden bischöflichen und städtischen Struktur.

Das eigentliche Problem liegt daher weniger im Detail als im Narrativ: Der Zeitungsartikel reproduziert ein überkommenes Bild von der „Geburtsstätte“ des Bistums im heutigen Stadtgebiet, ohne die Unsicherheiten der Quellenlage und die Ergebnisse der Forschung ausreichend zu berücksichtigen.

Gerade in einer Stadt wie Zeitz, deren frühe Geschichte nur in Fragmenten greifbar ist, sollte jedoch gelten: Archäologische Befunde sind keine Illustration bekannter Geschichten sondern deren Korrektiv.


Einzelnachweise:

1 Holger Rode: Die archäologische Untersuchung auf der Domfreiheit in Zeitz, In: Archäologische Berichte aus Sachsen Anhalt 1996/I, LDA, Halle (Saale) 1997., S. 140.

2 Holger Trimbert, Die ur- und frühgeschichtliche Besiedlung der Zeitzer Region, In: Rudolf Drößler: Zeitz – Geschichte der Stadt, Band I, Zeitz 2004, S. 25f. sowie Zeitz im Zeitalter der Ottonen, In: Saale Unstrut Jahrbuch, Halle (Saale) 2002, S. 5f.

3 Holger Rode: Archäologische Befunde zur Baugestalt und zur Nutzung der Klausur des Benediktinerklosters Posa (Bosau). In: Saale-Unstrut-Elster-Jahrbuch 2026, 31. Jahrgang, Halle 2025, S. 15-26.