Ein Gastbeitrag von Petrik Wittwika
Adolf Brinkmann, der zwischen 1892 und 1909 als Oberlehrer am Königlichen Stifts-Gymnasium Zeitz unterrichtete und in dieser Zeit zum Wortführer der lokalen Denkmalpflege wurde, gehörte spätestens seit den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts zu den bedeutendsten Architektur- und Kunsthistorikern Mitteldeutschlands innerhalb der früheren Provinz Sachsen, aus der das Bundesland Sachsen-Anhalt territorial hauptsächlich hervorgegangen ist. Brinkmanns über 30-jähriges Wirken als Sachverständiger in Fragen der Bau- und Bodendenkmalpflege fällt in eine Zeit, in der allmählich ein intensiveres Bewusstsein für die jahrhundertealten Profan- und Sakralbauten hinsichtlich ihrer Bedeutung und Einzigartigkeit in intellektuellen Kreisen des Deutschen Kaiserreiches erwachte. In dieser Epoche, die gleichsam von weitreichenden städtebaulichen Umgestaltungen, jenem bekannten gründerzeitlichen Bauboom und Modernisierungsschub geprägt wurde, veröffentlichte er eine Vielzahl von wissenschaftlichen Publikationen mit grundlegender Bedeutung für die Altertumsforschung und leistete damit der Denkmalforschung und -pflege große Verdienste, aus der sich schließlich das heutige Verständnis von Denkmalschutz mit entwickelte. Seit 1897 war er zudem gewähltes Mitglied der Historischen Kommission für die Provinz Sachsen und für Anhalt, die über Jahrzehnte konsequent die Erforschung und Darstellung der Bau- und Kunstdenkmäler in ihrem Wirkungskreis vorantrieb. Rückschlüsse über Adolf Brinkmanns nahezu vergessenes [1], dennoch sehr förderliches und umfassendes Schaffen lassen sich vorrangig und nicht zuletzt infolge des Verlusts wichtiger archivalischer sowie handschriftlicher Quellen über die reiche Liste seiner gedruckten Veröffentlichungen ziehen, deren Realisierung neben der Ausübung seines Hauptberufes als Lehrer an verschiedenen Humangymnasien auch fast 100 Jahre nach seinem Tod eine anspruchsvolle Mammutarbeit darstellt und gleichsam ein hoch beachtliches, inhaltlich fundiertes Lebenswerk [2] offenbart.
„Die ersten bewussten Eindrücke aus der Kindheit sind meist richtunggebend dem Streben des Erwachsenen“, so Konrad Braun [3], der mit dieser Weisheit seinen Nachruf auf Adolf Brinkmann [4] einleitete, denn dessen lebenslange Leidenschaft galt insbesondere dem mitteldeutschen Fachwerkbau, der ihm zugleich sehr früh in reicher Entfaltung in seiner Vaterstadt begegnete. Franz Ferdinand Adolf Brinkmann, Sohn des Böttchermeisters und Brauereibesitzers Philipp Brinkmann und dessen Ehefrau Carolina, kam am 27.Juli 1854 in Wernigerode zur Welt, wo er seine Kindheit verbrachte und Ostern 1875 am dortigen Gräflich Stolberg´schen Gymnasium unter Rektor Wilhelm Bachmann sein Abitur ablegte, um anschließend ursprünglich „Steuerfach“ zu studieren [5]. Seinem zeichnerischen Talent Folge leistend, widmete er sich allerdings zunächst „drei Jahre der Laufbahn als Geometer“, wie Konrad Braun im besagten Nachruf zu berichten wusste. Welche Gründe dafür den Anlass gaben, dass er entgegen einer Tätigkeit als Vermessungstechniker das Studium der Philologie und Geschichte in Marburg, Berlin und Halle aufnahm, ist nicht überliefert. Für das Ausmessen und Aufzeichnen bei der späteren Erforschung von Baudenkmalen gereichten ihm diese Kenntnisse dennoch sehr zum Vorteil, denn fast jede seiner Veröffentlichungen wird durch Skizzen aus seiner Hand bereichert. Am 8. Dezember 1882 promoviert er an der Universität in Halle (Saale) mit der lateinischen Arbeit „De Anacoluthis Apud Aristophanem Capita Quiene“, seiner ersten wissenschaftlichen Publikation, zum Doktor der Philologie. Seine erste Lehrerprüfung legte er am 5. Mai 1884 im Fach Deutsch ab. Das Probejahr trat er zu Michaelis 1884 (29. September) am Gymnasium in Wernigerode an.
Neben der Tätigkeit als Hauslehrer in der Nähe von Aschersleben unterrichte Brinkmann in den Jahren 1885 bis 1892 an mehreren Schulen und zwar an der Klosterschule in Roßleben als wissenschaftlicher Hilfslehrer sowie anschließend am Königlichen Gymnasium in Quedlinburg und Städtischen Gymnasium Sangerhausen. In Quedlinburg machte er Bekanntschaft mit dem dortigen langjährigen Oberbürgermeister Dr. Gustav Brecht (1830-1905) [6], einem eifrigen und leidenschaftlichen Förderer der regionalen Geschichtsforschung und dem Begründer der Historischen Kommission der Provinz Sachsen. Brinkmann knüpfte in dieser Zeit viele wichtige Kontakte zu einflussreichen Persönlichkeiten, mit denen er Ideen und Vorstellungen im Umgang mit den Zeugnissen der Vergangenheit teilte.

Die erste feste Anstellung erhielt der Altphilologe am 1. Oktober 1892 am Stifts-Gymnasium in Zeitz, wo er gleichzeitig am längsten in seiner Lehrerlaufbahn, nämlich 17 Jahre lang ununterbrochen an einem Ort unterrichten wird. Nicht lange dauerte es und Brinkmann begann leidenschaftlich-systematisch Zeitz sowie die nähere Umgebung hinsichtlich ihrer Bau- und Kunstdenkmäler zu erkunden. Fast scheint es so, als seien die Menschen in und um Zeitz bislang auf beiden weitestgehend blind gewesen für das, was Brinkmann als Forscher mit viel Akribie und Detailversessenheit ausführlich zu dokumentieren vermag. [7] Indes verraten die Quellen wenig über den Menschen, Lehrer und Pädagogen hinter dem Namen Adolf Brinkmann. Am altehrwürdigen Stifts-Gymnasium unterrichtete er mehrere Fächer und zwar Deutsch, Geschichte, Griechisch, Erdkunde und Zeichnen [8]. Eine Lehrbefähigung besaß er für die Fächer Deutsch, Geschichte, Griechisch und Lateinisch. Einer seiner Schüler, die er für die Schätze der Vergangenheit begeistern konnte, war Arthur Jubelt (1894-1947), der Sohn des Buchdruckereibesitzers und Verlegers Reinhold Jubelt. Gemeinsam gingen beide auf Erkundungstouren, wobei der junge Arthur dem Professor bei der Forschungsarbeit, etwa bei der Erfassung von alten Grabdenkmalen im Friedenspark oder Bauwerken, hilfreich zur Seite stand oder sich als Personenstaffage für Fotoaufnahmen zur Verfügung stellte.
Zu Brinkmanns bedeutendsten regionalhistorischen Veröffentlichungen gehören „Die Burganlagen bei Zeitz“ (1896), „Die mittelalterliche Befestigung der Stadt Zeitz“ (1902) und „Der Peter-Pauls-Dom in Zeitz“, über den er 1906, dem Jahr seiner Ernennung zum Professor, erstmals eine umfangreiche Abhandlung herausgibt. Aber sein Wirken beschränkte sich längst nicht auf die reine Verschriftlichung seiner Forschungsarbeit. „Mit Unterstützung der Provinzialverwaltung führte er auf Kloster Posa Ausgrabungen durch, deckte den Grundriss des alten Benediktinerklosters auf und legte bei Grabungen in Breitenbach erstmals Ringwall und Burganlagen der alten Kaiserpfalz genau fest.

Quelle: Museum Schloss Moritzburg Zeitz
Außerdem verwaltete er die Zeitzer Stiftsbibliothek, von deren reichen Beständen und Druckwerken der von ihm erstellte „Alphabetische Katalog“ (1909) die Bibliotheken in ganz Deutschland unterrichtete. Seit 1894 war Brinkmann auch Mitglied im „Verein zur Erhaltung der Denkmäler der Provinz Sachsen“, dessen Arbeit er aktiv unterstützte.“ [9] Führend und unermüdlich ist Brinkmann bei der Arbeit im „Geschichts- und Altertumsverein für Zeitz und Umgegend“, den er mit ins Leben rief und von 1897 bis 1909 als erster Vorsitzender leitete. Die Vortragsabende wurden in dieser Zeit hauptsächlich durch ihn bestimmt. [10] Auch Ausflüge in die nähere und weitere Umgebung bildeten einen regelmäßigen Bestandteil der Vereinsarbeit. Oftmals bleibt es für den Denkmalpfleger Brinkmann nur bei der Dokumentation historischer Bauwerke, die als „bürgerliche Kunst“ aus vergangenen Jahrhunderten unerbittlich dem Abriss anheimfielen. Ausführlich beschrieb er 1904 kurz vor dem Abbruch der Renaissance-Häusergruppe Fischstraße 6 deren Innenleben und fertigte Fotografien der wertvollen Stuckdecken an. [11]
Veränderungen der Fassade, wie etwa an der des Hauses Messerschmiedestraße 14 durch den Einbau eines neuzeitlichen Schaufensters, versuchte er dennoch nicht tatenlos zu begegnen. „Es gelang leider nur durch Gewährung einer kleinen Beihilfe den Besitzer zu bestimmen, wenigstens das Renaissanceportal unberührt zu lassen“, so der Bericht des Provinzialkonservators [12].

Quelle: Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie in Sachsen-Anhalt, Altaktenarchiv, Bestand Zeitz.
Dass der Zeitgeist es um 1900 nicht gut mit dem im Grunde nur rein äußerlich in die Jahre gekommenen Rathaus am Altmarkt meinte, ist durch diverse Veröffentlichungen ausführlich belegt. [13] Womöglich wäre es auch zum Abbruch gekommen, hätte Brinkmann sich nicht seit 1898 vehement für den Erhalt eingesetzt. [14] Ausführlich äußert er sich „zur Rathausbaufrage“ am 12. November 1904 in einer Beilage zu den „Zeitzer Neusten Nachrichten“, wobei er unmissverständlich und sachlich den kunsthistorischen Wert des Gebäudes bis ins kleinste Detail aufzeigte. Brinkmanns Stimme hatte über Zeitz hinaus Gewicht, wodurch das gotische Rathaus letzten Endes erhalten blieb. Auch die Rettung und Erhaltung der historischen Schmuckformen des Zeitzer Rathauses sind sein Verdienst. Der Zeitzer Mühlenbesitzer Hermann Rossner (1858-1931), der als Abbruchbefürworter in Erscheinung trat und dessen zusammen mit Georg Wrba eingereichter baugestalterischer Entwurf über die Errichtung eines neuen Rathauses durch Professor Brinkmanns Wirken vereitelt wurde, reagierte auf die persönliche Niederlage nicht nur mit seinem Umzug von Zeitz nach Berlin-Charlottenburg, sondern mit einer umfassenden philosophischen Schmähschrift gegen seinen Widersacher. [15]

Quelle: Beilage Nr. 31 zu den Zeitzer Neuesten Nachrichten vom 12. November 1904

Quelle: Sammlung Petrik Wittwika
Schließlich ist es Ironie der Geschichte, dass Adolf Brinkmann die ihm sehr ans Herz gewachsene Stadt Zeitz in jenen ersten Tagen im Oktober 1909 verlassen muss, als der dortige Rathausneubau mit dem geretteten und rekonstruierten gotischen Gebäudeteil feierlich seiner Bestimmung übergeben wurde. In Burg übernahm er ab 1. Oktober 1909 die seit 1. April 1908 durch Pensionierung des Professors Brinckmeier vakante Oberlehrerstelle am Königlichen Viktoria-Gymnasium in Burg. Als Beamter im preußischen Staatsdienst musste er sich der Versetzungsanordnung fügen und mit seiner Familie, zu der neben Ehefrau Martha die Kinder Friedrich, Otto und Gertrud gehörten, umziehen. [16] Ein fatalerweise weitreichender Streit mit einem Lehrerkollegen am Zeitzer Stifts-Gymnasium, bei dem Direktor Friedrich Holzweißig nicht mehr vermittelnd intervenieren konnte, sowie eine „unbedachte Äußerung“ Brinkmanns, hatten schließlich in seine unvermeidbare Versetzung an eine andere Lehranstalt gemündet und das weitab von Zeitz. Alles das, was Friedrich Holzweißig am 5. Oktober 1909 vertraulich über die Vorgänge, wenn auch ziemlich kryptisch anmutend dem Direktor des Burger Gymnasiums an Informationen zukommen ließ, verfolgte hauptsächlich den Zweck, Brinkmanns Reputation sicherzustellen. Über den komplizierten Vorgang schrieb er: „(…) Ich benutze diese Gelegenheit, auch Ihnen zu erklären, dass Brinkmann nicht ein zänkischer Störenfried ist, wie es nach der Affäre, die den Anlass, zu der Versetzung gegeben hat, scheinen könnte. Brinkmann hat unbedacht und voreilig mit der Forderung gehandelt, weil er nicht ernst genug gut beraten wurde. Ich hätte ihn beruhigt, die Forderung zu unterlassen, die (übrigens unbedacht und nicht so schlimm gemeinte) Äußerung, die den Anlass zu der Forderung gab, würde in sehr einfacher Weise sachgemäß ihre „Sühne“ gefunden haben, da der betreffende Kollege ohnehin schon seit Jahren als Neusprachler an ein Realgymnasium womöglich in einer größeren Stadt sich sehnte. Leider fiel die ganze Geschichte in die Zeit meiner Abwesenheit – ich war Ostern 1909 in Wien –, Brinkmann ist nicht energisch genug von dem bedenklichen Schritte der Forderung, die unbedingt unterbleiben musste, abgeraten worden. Im vorliegenden Falle liegt es auf der Hand, dass Brinkmann der angegriffene Teil war, dass er den Streit nicht hervorgerufen hat. Auch sonst hat niemand Brinkmann als Urheber von Streitigkeiten mir namhaft gemacht oder etwas angeführt, wodurch er als Urheber von Streitigkeiten unter Kollegen gelten könnte. (…)
Brinkmann geht hier aus Verhältnissen, in denen er viele Freunde und festen Boden gefunden hatte; der Abgang ist ihm und den Seinen sehr schwer geworden. (…)“ [17]
Von einem Wohlfühlfaktor an seiner neuen Dienststelle in Burg konnte jedoch keine Rede sein, denn Brinkmanns Gesuch um Versetzung, ebenso wie die geforderte Überprüfung der „zwei Jahre zurückliegenden Vorgänge“ und das in der von ihm „gewünschten Weise“ wurde am 1. Mai 1911 von seinen Vorgesetzten strikt abgelehnt. Die folgenden Jahre sind immer wieder von längeren krankheitsbedingten Ausfällen Brinkmanns geprägt. Auch ein ärztliches Zeugnis bestätigte, „dass der Aufenthalt in Burg der Gesundheit des Professors Brinkmann nicht zuträglich ist.“ Direktor Otto Tüselmann als Leiter des Burger Gymnasium wollte diesem Leidensdruck auch im eigenen Interesse ein schnelles Ende setzen, indem er Brinkmanns Versetzung anstrebte, um „ihn durch einen jungen, gesunden, tüchtigen Altphilologen ersetzen zu wollen.“ [18] Aber dazu kam es nicht. In Burg fand er indes schnell Anschluss an den Altertumsverein und setzte sein Wirken für die Baugeschichtsforschung fort. [19]
Belegt ist, dass Brinkmann energisch, bisweilen die Hierarchien in seinem Beamtenverhältnis vergessend, eigene Ansichten und Überzeugungen mit aller Konsequenz vertrat, wie ein Vorfall während einer mündlichen Notreifeprüfung am 14. November 1916 beweist. An diesem Tag kam es am Burger Viktoria-Gymnasium zu einem Eklat zwischen Direktor Otto Tüselmann und Professor Adolf Brinkmann, worüber der Leiter der Bildungseinrichtung sich entsprechend bei der vorgesetzten Schulbehörde, dem Königlichen Provinzial-Schulkollegium der Provinz Sachsen in Magdeburg, beschwerte: „Als bei der am 14. November 1916 abgehaltenen mündlichen Notreifeprüfung die amtliche Verhandlung förmlich eröffnet war, teilte der Direktor dem versammelten Lehrerkollegium mit, in welchen Fächern der einzige Prüfling mündlich zu prüfen sei: im Deutschen nicht, da die Vorzensur und der deutsche Prüfungsaufsatz genügend sei; auch im Griechischen würde ich, da die schriftliche Übersetzung gut sei, von einer mündlichen Prüfung absehen, wenn sich nicht etwa im Laufe der Prüfung eine andere Notwendigkeit herausstellen sollte. Dagegen sei zu prüfen in der Religionslehre, im Lateinischen, im Französischen, in der Geschichte und Erdkunde und in der Mathematik. Da wandte der Professor Dr. Brinkmann ein, er habe dem Prüfling auch in der Geschichte in der Vorzensur „gut“ gegeben. Ich erwiderte, die Gegenstände der mündlichen Prüfung hätte ich zu bestimmen. Über diese, in bestimmten Tone, aber ohne jeden Zusatz gemachte Äußerung zeigte sich Brinkmann aufgebracht: er behauptete von mir angefahren worden zu sein, und als ich hinzufügte, er habe auch bei einer früheren Gelegenheit in die dem Direktor als stellvertretenden Kommissar zustehende Befugnis hineingeredet, sagte er: „Ich verbitte mir das!“ Ich sagte ihm, er habe sich nicht zu verbitten, was ihm amtlich von seinem Vorgesetzten gesagt werde, schnitt aber weitere Erörterungen ab, indem ich erklärte, ich werde nach Schluss der Prüfung über den Vorgang mit Brinkmann allein ein Protokoll aufnehmen. (…)“ [20] Das Provinzial-Schulkollegium in Magdeburg erkannte am 24. Januar 1917 eine Verletzung der pflichtmäßigen Stellung durch Brinkmann und sprach ihm eine Missbilligung über das anmaßende Verhalten aus. Vom Ministerium und der Regierung beauftragt, erfasste Brinkmann 1917 im Zuge der Kriegsmaßnahmen als Sachverständiger die Kirchenglocken, weshalb er zeitweise an bestimmten Tagen vom Unterricht befreit wurde. Am 1. Oktober 1919 trat Brinkmann 65jährig offiziell in den Ruhestand. Zuvor hatte er sich vom 1. April bis 30. September 1919 in einer von der Schulbehörde genehmigten Urlaubsphase befunden. [21]
Mit viel Aufwand widmete er sich in der ihm noch verbleibenden Lebenszeit weiterhin der Erhaltung und Pflege von Baudenkmalen. Ab Jahresende 1919 führte er sogar bis Juli 1922 die Geschäfte der Historischen Kommission. Die ausführliche Erforschung und Dokumentation der Denkmallandschaft Quedlinburgs sollte seine letzte große Lebensaufgabe darstellen, die er mit beeindruckender Detailliertheit und unter Hinzuziehung aller Register seines zeichnerischen Talents noch einmal darzustellen verstand, denn in diesem Harzstädtchen „lässt sich die Entwicklung des Fachwerkbaues fast von der Urstufe an verfolgen“, wie Brinkmann im 14. Kapitel seines letzten Buches anmerkte. [22]

Trotz aller ihn belastenden Umstände verlor er Zeitz nie aus dem Blick, wie ein Brief an den Provinzialkonservator in Halle (Saale) vom 5. März 1922 beweist [23], wobei Brinkmann – immer um Schadensabwehr oder -begrenzung bemüht – auch aktiv Einspruch erhob. Der im Raum stehende mögliche Abriss der Syring´schen Gruftkapelle auf dem Unteren Johannisfriedhof begegnete er mit folgenden Ausführungen: „Die Grabkapelle der Familie Syring auf dem Unteren Johannisgottesacker verdient erhalten zu werden. Ich habe ihr keine Baufälligkeit angesehen, als ich sie in vorigem Jahre wieder sah“, so Brinkmann, der außerdem um Lösungsansätze bemüht ist, indem er schreibt: „Die Ausstattung kann ja auf alle Fälle ins Museum gebracht werden, wo sie besser aufgehoben ist, als in der Kapelle.“ Leider geht aus dem Schreiben nicht hervor, welche Ausstattungsteile die Kapelle damals noch schmückten. Einem Wunder gleich, hat sich das lange Zeit stark gefährdete Denkmal und Kleinod aus der Barockzeit bis heute erhalten.

Quelle: Museum Schloss Moritzburg Zeitz
Adolf Brinkmann verstarb „nach längerem Kranksein“ [24] am 3. April 1923 in seiner Wohnung im Haus Zerbster Promenade 10a in Burg. Seine letzte Ruhe fand der Protestant am Nachmittag des 6. April 1923 nach einer Trauerfeier in der Friedhofskapelle auf dem inzwischen aufgegebenen Burger Westfriedhof, der in den 1970er Jahren teilweise eingeebnet und überbaut wurde. [25] Von der historischen städtischen Friedhofsanlage hat sich nur ein Fragment mit einigen wenigen, leidlich erhaltenen Grabsteinen und -einfassungen erhalten.
Dieser Text wurde 2022 erstmals in der Anthologie Die Verweltlichung des Himmels (hg. von Philipp Baumgarten, Edition Posa, Zeitz) veröffentlicht. ISBN 978-3-9815031-9-7.
Anmerkungen
1 So konnte das Roland-Gymnasium in Burg als Nachfolgeeinrichtung des Viktoria-Gymnasiums in seinem Schularchiv irgendwelche Hinweise zu Brinkmanns Tätigkeit nicht mehr aufspüren, obwohl er dort immerhin zehn Jahre unterrichtete (E-Mail des Schulsekretariats an den Autor vom 12. Dezember 2018). Auch Manfred Bünger, ehemaliger evangelischer Pfarrer und ein Enkelkind Adolf Brinkmanns, verfügt über keine Unterlagen mehr, welche die Forschungsarbeit seines Großvaters betreffen, wie er den „Geschichts- und Altertumsverein für Zeitz und Umgebung“ bereits am 7. Dezember 1997 wissen ließ. Besonders bedauerlich ist der Verlust oder zumindest ungewisse Verbleib eines Manuskripts zu den Bau- und Kunstdenkmälern von Zeitz, das aufgrund von Brinkmanns Ableben nicht mehr zum Druck gelangt war und sicher mit einer Vielzahl von Informationen über längst verlorene Zeitzer Gebäude aufwarten könnte (Schamberger, Albert: In memoriam: Professor Dr. Adolf Brinkmann, in: Zeitzer Heimat, Nr.1 vom April 1954, S. 23).
2 Aufschlussreiche Beschreibungen von Adolf Brinkmanns Leben und Wirken stammen von Amtskollegen und Weggefährten wie Konrad Braun (1923), Walter Möllenberg (1923) oder Albert Schamberger (1954). Wichtige Informationen über seine Lehrertätigkeit enthält das Personalblatt 387 (für Direktoren, wissenschaftliche Lehrer und Kandidaten des höheren Schulamts), das in Kopie im Museum Schloss Moritzburg Zeitz verwahrt wird. Aus ihm geht auch hervor, dass Brinkmann am 5. Mai 1886 seine Erweiterungsprüfung im Lateinischen und Griechischen für die Ober-Prima ablegte.
3 Konrad Braun (1866-1934), Mittelschullehrer und agiler Zeitzer Heimatforscher, übernahm nach Brinkmanns Wegzug aus Zeitz den Vorsitz des Geschichts- und Altertumsvereins für Zeitz und Umgegend. Ganz dem Verständnis seines Vorgängers entsprechend, mehrte er die Sammlung des Vereins und wurde zum Ansprechpartner in Fragen zur Denkmalpflege. Die Krönung seines Lebenswerkes war die Eröffnung des Heimatmuseums im Schloss Moritzburg Zeitz 1932.
4 Braun, Konrad: Professor Dr. Adolf Brinkmann, in: Die Mark Zeitz, Beilage zu den Zeitzer Neuesten Nachrichten, Ausgabe Nr. 42 vom 13. April 1923.
5 Jahres-Bericht des Gräflich Stolberg´schen Gymnasiums zu Wernigerode über das Schuljahr von Ostern 1874 bis Ostern 1875, S. 45. Ferner ist zu erfahren, dass „unter dem Vorsitze des Herrn Provinzial-Schulraths Dr. Todt“ am 22. Februar 1875 die Abitur-Prüfung stattfand. Zu Brinkmanns Mitschülern in der Prima gehörte Max von Bethmann-Hollweg aus Hohenfinow, dessen jüngerer Bruder Theobald zwischen 1909 und 1917 deutscher Reichskanzler war.
6 Im Jahrbuch der Denkmalpflege in der Provinz Sachsen für das Jahr 1904 skizziert Brinkmann in seinem Nachruf Brecht als „belebende Seele“ der 1876 ins Leben gerufenen Historischen Kommission. An der Etablierung der frühen Denkmalpflegekultur in den einzelnen Regierungsbezirken der Provinz Sachsen war sie maßgeblich beteiligt.
7 Eine wichtige Vorarbeit haben in dieser Hinsicht Dr. th. Heinrich Otte sowie der jahrelang in Zeitz wirkende Königliche Bauinspektor Gustav Sommer geleistet. Ihre 1879 erstmals in Buchform erschienene „Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler des Kreises Zeitz“ wurde von der Historischen Kommission der Provinz Sachsen herausgegeben. Sommer war ferner in den 1870er Jahren ein früher Bewohner des 1864 errichteten und 2017 für den Bau eines Supermarktes abgerissenen Kuckert´schen Hauses Schützenstraße 1 vor dem ehemaligen Wendischen Tor. Im Gegensatz zu Brinkmann konnte Sommer dem sichtlich in die Jahre gekommenen gotischen Rathaus am Zeitzer Altmarkt keinen Wert abgewinnen, denn seiner Meinung nach bot es „wegen der unregelmäßig verteilten viereckig gedrückten Fenster keine baukünstlerische Erscheinung (…).“
8 Jahresbericht des Königlichen Stifts-Gymnasiums in Zeitz über das Schuljahr 1906 – 1907, S. 2 (Übersicht über die Verteilung der Stunden).
9 Grün, Gisela und Zabel, Rolf: 100 Jahre Geschichts- und Altertumsverein für Zeitz und Umgegend. Festschrift in Zusammenarbeit mit dem Museum Schloss Moritzburg Zeitz 1997, S. 10.
10 Brinkmann sprach u.a. zu folgenden Themen: „Über die Entwicklung der städtischen Märkte in Zeitz“ (1898), „Über die Ausgrabungen in Posa“ (1899), „Über das unterirdische Zeitz – Zeitz unter der Erde“ (1906). Siehe dazu: Protokollbuch des Geschichts- und Altertumsvereins für Zeitz und Umgebung von 1897 bis 1943. Museum Schloss Moritzburg Zeitz.
11 Brinkmann, Adolf: Bürgerliche Kunst in Zeitz, in: Jahrbuch der Denkmalpflege in der Provinz Sachsen 1904, S. 43-48.
12 Jahrbuch der Denkmalpflege in der Provinz Sachsen 1909, darin: Bericht des Provinzialkonservators über die Amtstätigkeit vom 16. Februar 1909 bis 15. Februar 1910, S. 37.
13 Drößler, Rudolf: Zeitz – Das Rathaus in Zeitz. Die Geschichte des Gebäudes im Rahmen der Geschichte unserer Stadt. Herausgeber: Stadt Zeitz 1997.
14 1898 referierte Brinkmann im Zeitzer Altertumsverein über „Geschichte und Bauformen unseres Zeitzer Rathauses.“ Am 14. Januar 1903 griff er das Thema auf der 24. Vereinssitzung erneut auf und erörterte dabei konkret die Frage: „Warum verdient unser Zeitzer Rathaus erhalten zu werden?“
15 Rossner, Hermann: Durch die Künste zur Philosophie oder der Weg zum Ziele. Verlag von H. Rossner Zeitz, 1. Band.
16 In Zeitz lebte die Familie in einer Mietwohnung in der August-Bebel-Straße. Martha Lina Brinkmann, eine geborene Reinhardt, lebte auch nach dem Tod ihres Mannes weiterhin in Burg. Noch 1939 weist sie das Adressbuch unter der bekannten Wohnanschrift Zerbster Promenade 10a aus. Ihr Sohn Friedrich Brinkmann war Bankbeamter und lebte in Magdeburg. Die am 14. Januar 1897 in Zeitz geborene Tochter Gertrud heiratete 1931 in Burg. Sie verstarb 1976 in Duisburg. Otto Brinkmann, geboren am 21. September 1895 in Zeitz und einstiger Schüler des Stifts-Gymnasiums, verlor im Alter von 19 Jahren sein Leben als Leutnant und Angehöriger der 2. Kompanie des Infanterie-Regiments 263 an der Ostfront des Ersten Weltkrieges. In einem Reserve-Feldlazarett im ostpreußischen Köllmisch Rakowen (Masuren) starb er am 18. Februar 1915 an den „Folgen der am 13. Februar 1915 erlittenen Verwundung, Kopfsteckschuss durch Gewehrgeschoss“ (Historisches Archiv der Stadt Halberstadt: Sterbeurkunde Otto Brinkmann, Nr. 287/1940). Seine Ruhestätte ist als Kriegsgräberstätte erfasst (http://www.rowery.olsztyn.pl/wiki/miejsca/1914/warminsko-mazurskie/rakowo).
17 Landesarchiv Sachsen-Anhalt: Personalakte Adolf Brinkmann (C 23 Burg, Nr. 131).
18 ebenda
19 „Die Begründung und Ordnung des Burger Altertumsmuseums geht auf ihn zurück“, wusste der Vorsitzende der Historischen Kommission für die Provinz Sachsen und Anhalt, Dr. Walter Möllenberg (1879-1951), der zugleich Direktor des Staatsarchivs in Magdeburg war, über Brinkmann in seinem Nachruf zu berichten, der seinem letzten, 1923 erschienenen Werk unter dem Titel „Beschreibende Darstellung der älteren Kunstdenkmäler des Kreises Stadt Quedlinburg“, zweiter Teil, vorangestellt worden war.
20 Landesarchiv Sachsen-Anhalt: Personalakte Adolf Brinkmann (C 23 Burg, Nr. 131). Darin: Beschwerde des Direktors Otto Tüselmann.
21 ebenda
22 Brinkmann, Adolf: Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunst-Denkmäler der Provinz Sachsen – Kreis Stadt Quedlinburg. Herausgegeben von der Historischen Kommission für die Provinz Sachsen und für Anhalt, Teil 2, Magdeburg 1923, S. 160.
23 Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Archiv der Bau- und Kunstdenkmalpflege, Bestand Zeitz.
24 Traueranzeige für Professor Dr. Adolf Brinkmann: veröffentlicht am 4. April 1923 im Burger Tageblatt. Quelle: Archiv des Landkreises Jerichower Land.
25 E-Mail-Auskunft der Stadtverwaltung Burg, Fachbereich Stadtentwicklung und Bauen, vom 7. März 2018. Aus der Mitteilung geht weiterhin hervor, dass man auf dem ehemaligen kommunalen Friedhof eine Schule und Schwimmhalle sowie ein Altenheim und das „Wehrkreiskommando“ errichtet hatte. Friedhofsunterlagen „wurden leider nicht archiviert und gingen verloren.“ Nach Aussage von Frau Ursula Patté (13. Dezember 2018) von der Evangelisch-Reformierten Petrigemeinde in Burg war der Burger Westfriedhof „der eigentliche städtische Friedhof“, der „direkt an den Reformierten Friedhof“ angrenzte. Letzter blieb erhalten. Jedoch wurde Adolf Brinkmann nach Überprüfung des Registers und Totenbuches dort nicht beigesetzt.


