Blog zur archäologischen Forschung in Zeitz

Das verschollene Bistum

Der Bergsporn Posa mit Blick auf die Stadt Zeitz nach Süd-Westen (Foto: Philipp Baumgarten).

Am südlichen Ende der Leipziger Tieflandsbucht legt der Posaer Berg seit einigen Jahren ein archäologisches Kapitel frei, das die schriftliche Überlieferung kaum andeutet: der ursprüngliche Sitz des Bistums Zeitz, von dem man bis heute dachte, dass er an einem 1,5 Km entfernten Standort lag. Unter den Fundamenten des späteren Benediktinerklosters haben sich Reste monumentaler Bauwerke erhalten, die sogar in das 10. Jahrhundert datieren. Ihre Wiederentdeckung verändert nicht nur das Verständnis der Geschichte der Stadt und des Burgenlandkreises, sondern berührt die Grundlinien der ottonischen Kirchen- und Herrschaftspolitik.

Als Zeitz im Jahr 967 erstmals in einer Urkunde Kaiser Ottos I. erscheint, steht der Herrscher auf dem Höhepunkt seiner Macht. Auf einer Synode in Ravenna werden die drei Suffraganbistümer Meißen, Merseburg und Zeitz dem ebenfalls neu errichteten Erzbistum Magdeburg zugeordnet. Die Urkunden bezeichnen den Ort als „Cici“, doch deckungsgleich mit der heutigen Stadt ist er nicht. Hinter dieser Erstnennung verbirgt sich ganz wesentlich die territoriale Organisation des östlichen Reichsgebiets. Zeitz lag damals im Orient. Noch heute zeugen Flur- und Ortsnamen wie Osterfeld oder Osterland von dieser Randlage. Bereits einige Jahre vor der formalen Bistumsgründung hatte Otto I. den Regensburger Mönch Boso aus St. Emmeram mit dem Zeitzer Kirchenlehn betraut und ihn beauftragt, den künftigen Bischofssitz vorzubereiten. Diese Belehnung belegt, dass in Zeitz bereits eine kirchliche Einrichtung bestand, vermutlich eine frühe Missionskirche oder eine königlicher Eigenkirche. Das spätere Bistum knüpfte somit an vorhandene Strukturen an.

Die zweite Hälfte des 10. Jahrhunderts gilt als Epoche der ottonischen Ostexpansion. Unter dem Zeichen des Kreuzes wurde das Reich wie nie zuvor in den Osten Europas erweitert – eine Bewegung, die religiöse Legitimation und militärische Gewalt miteinander verband. Was spätere Chronisten als ‚Christianisierung‘ beschrieben, war in seiner Funktion ein kolonialer Prozess der Aneignung und Neuordnung von Raum. Die kirchliche Organisation unterstütze dabei maßgeblich die Stabilisierung politischer Kontrolle. Kloster- und Bistumsgründungen markierten keine Grenzen des Glaubens, sondern des Einflussraumes. Die Missionierung war Teil eines umfassenden Herrschaftsprogramms, in dem die Kirche administrative und ökonomische Funktionen übernahm.

In dieser Logik ist auch die Gründung des Bistums Zeitz zu verstehen. Eine Urkunde Ottos II., deren Echtheit umstritten ist, nennt Altenburg und Memleben, die Grablege Ottos des Großen, als Besitzungen der Zeitzer Kirche. Selbst wenn diese Übertragung späteren Ursprungs sein sollte, verweist sie auf den Anspruch, den man mit diesem Bistum verband: Es sollte nicht nur religiös, sondern auch realpolitisches Gewicht haben.

Bereits 1028 wurde der Bistumssitz schließlich ins 30 Km entfernte Naumburg verlegt, angeblich wegen wiederholter böhmischer Überfälle. Entscheidender dürften jedoch die Interessen der Ekkehardiner gewesen sein, jener Markgrafenfamilie aus Meißen, die in Naumburg ihre Machtbasis ausbauen wollte. Die Verlegung eines Bistums bleibt ein ungewöhnlicher Vorgang und zeigt doch, wie eng kirchliche und weltliche Strukturen miteinander verflochten waren. Zeitz verschwand dadurch nicht aus den Quellen. Die Stadt blieb bischöfliche Residenz, Kollegiatsstift und ein geistlicher Verwaltungssitz bis in die Frühe Neuzeit. Verschwiegen blieb allein der erste Standort des Bistums auf dem Posaer Berg östlich vor den Toren der Stadt.

In einer Urkunde aus dem Jahr 1114 berichtet Bischof Dietrich I., er habe auf dem „seit Alters her Bosowe genannten Berg“ ein Benediktinerkloster gegründet und den Platz von Büschen und Gestrüpp reinigen lassen. Der Text verweist auf eine Vision, in der ein slawischer Bauer den Bischof im Auftrag Gottes zur Stiftung des Klosters aufgefordert habe. Diese Erzählung folgt dabei einem typischen Muster hochmittelalterlicher Gründungslegenden, in denen religiöse Überlegenheit und kulturelle Mission zu einem ideologischen Narrativ verschmelzen. Der „bekehrte Heide“ fungiert darin als Projektionsfigur einer Ordnung, die christliche Zivilisation über slawische Fremdheit stellt. Solche Erzählungen sind Ausdruck einer frühen Form religiös und ethnisch codierter Hierarchisierung, die in späteren Jahrhunderten fortwirkte und immer wieder rassistisch überformt wurde. Bemerkenswerterweise kehrt sich das Motiv in der Überlieferung um: Wenige Jahre nach der Gründung wird Bischof Dietrich, von einem slawischen Laienbruder erstochen, während er vor dem Altar der Klosterkirche in Posa betete. Die Überlieferung schweigt darüber, dass der Ort, an dem das Kloster errichtet wurde, bereits eine befestigte Anlage beheimatet, die die hirsauer Mönche lediglich umbauen mussten. Die großflächige Wallburg auf dem Posaer Berg, rund 25 Hektar umfassend, galt lange als slawisch, doch Befunde und topographische Merkmale deuten auf eine Entstehung unter ostfränkischer Herrschaft im 9. Jahrhundert hin.

Die jüngsten Grabungen haben nun gezeigt, dass unter dem Klosterkomplex die Reste älterer Sakral- und Profanbauten liegen. Eine dieser Kirchen datiert in das 10. Jahrhundert, wurde mehrfach überformt und bestand lange, bevor die Benediktiner den Ort übernahmen. Unmittelbar darüber lag die private Mönchskapelle des späteren Klosters, in der sich ein außergewöhnlicher Befund verbarg: die Bestattung einer etwa dreißigjährigen Frau, direkt vor dem Altar. In einem Männerkloster des 12. Jahrhunderts ist eine solche Bestattung nahezu ohne Parallele. Sie verstößt gegen kirchenrechtliche Vorschriften und widerspricht der bekannten liturgischen Praxis. Ob es sich um eine Stifterin, eine Wohltäterin oder eine Person von besonderem Rang handelte, bleibt offen. Ihre Präsenz im Zentrum des monastischen Raums kann jedoch auch auf Spannungen zwischen Norm und gelebter Wirklichkeit verweisen.

Die freigelegten Mauerzüge unter dem Südflügel der Klausur geben ein Bild von der Größe und Qualität der ursprünglichen Anlage. Ein Fundamentzug mit bis zu 1,8 Metern Stärke konnte bisher auf rund 28 Meter Länge verfolgt werden und lässt auf einen Palastbau schließen, der in etwa 40x16m Grundfläche einnehmen könnte. Seine Bauweise zeugt von überregionaler Bautradition und repräsentativem Anspruch, wurde bereits im Erdgeschoss mit Burchsteinen römisches Ziegelmauerwerk imitiert. Zusammen mit weiteren Fundamenten im Süden ergibt sich das Schema eines weitläufigen Komplexes mit Sakral- und Wohnbauten. Diese Anlage kann nur im Kontext einer bischöflichen oder königlichen Pfalz entstanden sein.

Damit erhält die Frage nach der architektonischen Gestalt des frühen Bistums eine neue Grundlage. Unter dem späteren Kloster haben sie offenbar Reste des ersten Doms von Zeitz erhalten, vermutlich eine dreischiffige, querhauslose Basilika, die im Ensemble der benachbarten Bauten mit mit dem frühen Bistum von Prag vergleichbar war und nach den bisherigen Erkenntnissen als architektonische Blaupause für die Neugründung des Bistum in Naumburg diente. Zeitz war in dieser Phase kein Randphänomen, sondern ein Zentrum, vielleicht sogar ein Modell für nachfolgende Bischofssitze. Dass diese Rolle in der späteren Geschichtsschreibung verschwand, dürfte kein Zufall sein. Die Translation des Bistums schuf nicht nur eine neue Residenz, sondern auch ein neues Narrativ, das den älteren Ort zugunsten der Bedeutung des Neuen ausblenden musste.

Die Ausgrabung in Posa korrigiert dieses Bild. Sie zeigt, dass die ottonische Kirchenpolitik auf bereits vorhandene lokale Strukturen traf und diese für ihre Zwecke nutzte. Der Prozess war weniger eine Missionierung als eine Integration oder, aus heutiger Sicht, eine Überformung bestehender Gesellschaften.

Bemerkenswert ist, dass Zeitz trotz der Verlegung des Bistums bis zur Reformation bischöfliche Residenz blieb. Dort, wo heute die Moritzburg steht, befand sich das Schloss der Zeitzer Bischöfe. Julius Pflug, der letzte katholische Bischof und Humanist, residierte hier, während in Naumburg bereits die Reformation vollzogen war. Die Stadt war nie vergessen, wohl aber ihre Bedeutung unter den Ottonen.

Die archäologischen Befunde auf dem Posaer Berg machen diese Tragweite wieder sichtbar. Sie eröffnen ein neues Verständnis der Frühzeit der frühmittelalterlichen Elb-Saale-Region als Grenzraum und zeigen, wie eng Religion, Politik und Topographie in der Entstehung des Reiches verwoben waren. Das „verschollene Bistum“ war kein Nebenschauplatz, sondern Teil eines groß angelegten Projekts von Herrschaft und Ordnung. Seine Wiederentdeckung erinnert daran, dass Geschichte nicht nur in den Archiven bewahrt wird, sondern im Boden selbst und dass das, was verschwiegen blieb, oft das Entscheidende ist.

 

Bestattungen der späteren Klosterzeit im Ostflügel des Kreuzgangs (Foto von Philipp Baumgarten)



Dieser Text erschien am Dienstag, den 28.10.2025 in der Tageszeitung jW im Resort Natur&Wissenschaft