Blog zur archäologischen Forschung in Zeitz

Erste Erkenntnisse zur äußeren Vorburg der Posaer Burganlage

Die Anlage, die wir heute als frühmittelalterliche Burganlage auf dem Posaer Berg identifizieren können und die erstmals in den 20er Jahren des 20. Jhs. von Werner Schulz-Tauchlitz näher in Augenschein genommen wurde, nimmt den gesamten Geländesporn des Posaer Berges ein. An drei Seiten – im Westen, Norden und Osten – fällt das Gelände sehr steil in den Talgrund des Fockendorfer Baches bzw. in die Elsteraue ab. Eine Besonderheit und geradezu typisch für diese Art Burgen ist, dass die Befestigung bereits im Talgrund beginnt und hier den gesamten Berg einfasst. Die Wälle laufen über den gesamten Berg und bilden nicht nur Abschnittsbefestigungen. Aus militärischer Sicht ist eine umlaufende Befestigung des Talgrundes und eine Errichtung bestimmter Wallabschnitte bzw. Gräben unmittelbar vor oder hinter natürlich bestehenden Annäherungshindernissen nicht unbedingt notwendig.
Ein solches Befestigungskonzept findet sich wiederholt bei fränkischen und ottonischen Burganlagen, die über eine gewisse Größe und damit über eine bestimmte Bedeutung verfügen. Man mag geneigt sein, diesem in Teilen übereifrigen Ausbau der Befestigung eine eher symbolische Bedeutung zuzumessen.
Die Posaer Anlage gliedert sich in eine Kernburg, eine innere und eine äußere Vorburg, die auf dem Sporn von West nach Ost hintereinander angeordnet sind. Die Erkenntnisse zur Gesamtanlage sind bisher sehr unterschiedlich. Am besten bekannt sind die Verhältnisse in der Kernburg. Sie war nach Süden mit einem Wall abgegrenzt, dem eine Trockenmauer aus Sandsteinen vorgeblendet war. Dieser Wallabschnitt wurde spätestens um 1000 mit dem Bau des Bischofspalastes aufgegeben. Die Grenze der Befestigung wurde hier nach Süden vorgeschoben.
Mehrere Indizien deuten darauf hin, dass das Gelände der Kernburg im 9. und 10. Jh. nur etwa halb so groß war, wie später jenes Areal, den das 1114 gegründete Kloster einnahm. Bemühungen, den Wall, zumindest in bestimmten Abschnitten, durch eine steinerne Mauer zu ersetzen, sind für das 10. Jh. archäologisch greifbar. Allerdings wurden diese Arbeiten nicht zu Ende geführt, wohl weil man das zu befestigende Areal damit verkleinert hätte.
Ganz im Osten der Burganlage befindet sich ein Wall-Grabensystem, welches an den östlichen, in Nord – Süd – Richtung über den gesamten Berg laufenden Hauptwall anschließt. Die zunächst nach Osten verlaufende Befestigung schwenkt nach etwa 220 m fast rechtwinklig nach Süden ab. Hier ist sie noch etwa 200 m zu verfolgen, um danach im Gelände auszulaufen. Die Befestigung besteht auf der gesamten Länge aus einem hintereinander gestaffelten Graben-Wall-Graben-System. Die mit der Befestigung umschlossene Fläche sollte zweifellos die Funktion einer Vorburg erfüllen. Diese Vorburg war dem Hauptzugang zur Burganlage vorgelagert, der sich auch heute noch als Torsituation durch eine Fehlstelle im Wallverlauf zu erkennen gibt.
Derartige Vorburgen kommen an größeren fränkischen und ottonischen Burganlagen regelmäßig vor. Ein schönes Beispiel dafür ist die Gliederung des Bergspornes der Pfalz Tilleda. An der Posaer Situation verwundert zunächst, dass die nördliche Befestigung der Vorburg nicht im Tal ansetzt, sondern wesentlich weiter im Süden, also auf dem Bergplateau. Das könnte ein wichtiges Indiz für die Annahme sein, dass die Vorburg später als die übrigen Elemente der Befestigung errichtet worden ist. Noch viel auffallender aber ist das völlige Fehlen eines südlichen Abschlusses der Befestigung. Hier wäre ein nochmaliges Abschwenken des östlichen Wall-Graben-Systems nach Westen und ein Anschluss an den bestehenden Hauptwall zu erwarten. Eine Erklärung dafür, dass die südliche Befestigung fehlt, war bisher die Vermutung, dass dieser Teil der Anlage durch die jahrhundertelange landwirtschaftliche Nutzung des gesamten Geländes überackert wurde und damit nicht mehr im Gelände sichtbar ist.
Die Form der fast quadratischen Vorburgen, wie sie Posa aufweist, findet sich an einigen frühmittelalterlichen Burganlagen. Hier dienten diese Plätze vor allem als Handwerkersiedlungen und hatten eine wichtige Funktion als Handelsplatz. Nicht selten ging aus einer solchen Vorburg die älteste Marktsiedlung eines Ortes hervor, was wiederum Voraussetzung für die Entstehung einer Siedlung mit städtischem Charakter war.
Früh- oder hochmittelalterliche Funde aus dem Areal der Vorburg gibt es bislang nicht, obwohl wir den Acker mehrfach begangen haben. Eine intensive Nutzung des Platzes sollte eigentlich zahlreiche Fundobjekte hinterlassen haben, die durch die Beackerung fortwährend ans Licht kommen.
Mit dieser Ausgangssituation begann das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie in der vergangenen Woche mit einer geophysikalischen Prospektion des Geländes. Der erfahrene und sehr engagierte Fachmann Mikko Heikkinnen, der aus Finnland nach Sachsen-Anhalt gekommen ist, führte die Untersuchungen aus. Die Prospektion erfolgte mittels einer Drohne, die kurz über dem Boden das Gelände in schmalen Streifen überflog. Untersucht wurde zunächst nur der östliche Bereich des Areals der Vorburg.
Die Ergebnisse derartiger Prospektionen sind oft aufsehenerregend. Man erkennt nicht nur Gruben, Häuser und andere eingegrabene Strukturen, Feuerstellen, auch Mauern, ganze Kirchen, werden durch diese Methode sichtbar. Natürlich erst recht solche großen Eingriffe wie Gräben, die einer Befestigung immer vorgelegt sind.
In gewisser Weise sind auch die nun in Posa bisher erzielten Ergebnisse spektakulär, vielleicht in einer anderen Hinsicht, als das zunächst erhofft wurde. Es zeigte sich nämlich zum einen, dass die Innenfläche der Vorburg – zumindest ihr östlicher Teil – fast ohne Spuren von Besiedlung geblieben ist. Kein Wunder, dass sich hier vorher nie irgendwelche Funde gezeigt hatten. Noch prägnanter ist das Ergebnis der Prospektion im Hinblick auf den südlichen Befestigungsverlauf der Vorburg: ein solcher Abschluss der Anlage nach Süden existierte nicht!
Aus diesen ersten Ergebnissen kann nur geschlussfolgert werden, dass der Bau der gewaltigen Vorburg noch vor ihrer Vollendung abgebrochen wurde. Trotz des immensen Aufwands, den ein solches Projekt erfordert, sind zahlreiche Beispiele für Großprojekte aus der Zeit des 10. und 11. Jhs. bekannt, die in dieser sehr dynamischen Zeit ambitioniert begonnen, dann aber nicht fertiggestellt wurden. So wurde die Befestigung der Vorburg in der Pfalz Derenburg nicht zu Ende gebaut. Die Altenburg bei Großwangen wurde zwar vollständig befestigt, aber es gibt kaum Hinweise auf eine Nutzung der Innenfläche der riesigen Burganlage. Schließlich könnte es sich auch bei der gewaltigen Basilika des 10. Jhs. in Memleben um eine Investruine handeln, einige Grabungsergebnisse weisen in diese Richtung.
Für Posa und die mit Posa untrennbar verknüpfte Stadtgeschichte von Zeitz ist das hier erstmals vorgestellte Ergebnis zur Vorburg von enormer Bedeutung. Es ist zu vermuten, dass der Abbruch der Arbeiten an der Befestigung der Vorburg genau jenen Zeitpunkt markiert, an welchem die Verlegung der gesamten Posaer Siedlungsagglomeration in das heutige Stadtgebiet der Zeitzer Unterstadt begann.
Die Gründe für eine solche Verlegung, die erstmals mit der Errichtung der Stiftskirche im Gelände der heutigen Moritzburg um 1030 greifbar wird, sicher aber bereits viel früher begann, liegen auf der Hand. Auch im Gelände der Posaer Vorburg, die von ihrer Anlage her tatsächlich als typischer frühstädtischer Siedlungskern geplant scheint, fehlt das Wasser. Es gibt keine Quellen, kein Bach durchquert das Areal. Ein ganz anderes Bild bietet dagegen die Zeitzer Unterstadt, wo mit dem Brühl und dem Verlauf des Wilden Baches ein wesentlich siedlungsgünstigeres Gelände zur Verfügung stand.
Voraussetzung für einen schrittweisen Abzug aus der geschützten Lage des Posaer Bergspornes in ein verteidigungsstrategisch weniger günstiges Gelände, wie es das Areal der Unterstadt zweifellos darstellt, war eine gewisse Sicherheit der Bewohner vor militärischen Übergriffen, von wem auch immer. Mit der Konsolidierung der ottonischen Herrschaft ab der Mitte des 10., mehr noch im frühen 11. Jh., waren die politischen Voraussetzungen dafür geschaffen, dass sich die Stadt Zeitz überhaupt entwickeln konnte. Auf dem Plateau des Posaer Berges waren die Möglichkeiten für eine solche Entwicklung schlicht nicht vorhanden.


Abb.1 Blick auf die zusammengerutschte Blendmauer aus Sandsteinen, die dem ansonsten aus Holz und Erde errichteten Wall vorgeblendet war, der die Kernburg des 9. Jhs. nach Süden begrenzte. Foto: Holger Rode
Abb.2 Schematische Darstellung eines typischen Wallaufbaus des 9./10. Jhs. mit Holzlagen, Erdverfüllung und vorgeblendeter Steinmauer.
Abb.3 Der Posaer Berg im Digitalen Geländemodell. Die Vorburg befindet sich am rechten Bildrand. Grafik: Anna Swieder, LDA.
Abb.4 Das Gelände der Posaer Vorburg von Süden. Foto: Philipp Baumgarten.