Blog zur archäologischen Forschung in Zeitz

Eine seltene Perle aus dem Kloster Posa

Die Fundstelle auf dem Klosterberg Posa bei Zeitz begeistert nicht nur durch zahlreiche Baubefunde aus über 7 Jahrhunderten, sondern auch durch ein großes Fundaufkommen. Darunter fallen besondere Kleinfunde ins Auge, die auf die Zeit vor dem Kloster und mitunter sogar vor die der Bischofspfalz reichen. Durch sie öffnet sich ein Fenster zur Betrachtung der frühmittelalterlichen Vergangenheit dieses Ortes.

Die Glasperle, um die sich dieser Beitrag drehen soll, gehört in eben diese Kategorie der Kleinfunde und soll hier näher betrachtet werden.

Steckbrief
Die Glasperle weist eine maximale Höhe und Breite von einem Zentimeter auf. Sie besteht aus einem blauen, transluziden Glaskörper und einer opaken weiß/gelblichen Glasfadenauflage. Dadurch, dass die Glasfadenauflage sich nicht vom Körper der Perle abhebt, wurde die Auflage entweder auf den heißen Glaskörper der Perle aufgetragen oder die Perle nach der Verzierung erneut erhitzt, was in beiden Fällen zur Glättung der Perle geführt hat (vgl. dazu Siegmann
2006, 941). Parallele Spuren im Glas verweisen darauf, dass die Perle durch Aufwickeln auf einen Perlendorn hergestellt wurde. Darauf verweist auch die Form des Fadenloches, denn die beiden Enden der Perle weisen einen Unterschied im Durchmesser von einem Millimeter auf. Dieser Unterschied des Fadenloches lässt sich damit erklären, dass der Perlendorn, auf den der Glasfaden für den Perlenkorpus aufgewickelt wurde, meist eine konische Form besitzt. Die
Glasperle weist weiterhin eine doppelkonische Form auf, was für die chronologische Zuweisung von Bedeutung sein wird.

Befundzusammenhang
Die Perle wurde auf der Sohle einer Grube gefunden, in der sich ein senkrecht eingegrabener Topf befand. Das Gefäß wurde mit Öffnung nach unten in die Grube gegeben und kollabierte dort wahrscheinlich unter dem Erddruck, wodurch die darüber verlaufenden Schichten in die Grube nachrutschten. Bei dem Gefäß handelt es sich um eine helltonige Standbodenkeramik mit Dornenrand und  Wellenbandverzierung. Sie stammt aus der Zeit des ausgehenden 11. bis zur ersten Hälfte des 12. Jh. (1080-1150). Damit liegt dieser Befund in der Zeit der Klostergründung und es muss offen bleiben, ob er aus der Zeit der Bischofspfalz oder der frühen Klosterzeit stammt. Mit dieser hochmittelalterlichen Zuordnung des Befundes dürfte die Perle jedoch nicht in Zusammenhang gebracht werden. Es liegt hier eher eine Verlagerung des Fundstückes vor.

Einordnung der Glasperle
Woher kennen wir solche Glasperlen? Die Herstellung von Glasperlen hat eine lange Geschichte. Schon im alten Ägypten wurden solche Perlen als Schmuckgegenstände hergestellt (5. Jht. v. Chr.) Aber auch auf dem europäischen Festland lässt sich die Herstellung von Glasperlen seit der frühen Kupferzeit nachvollziehen. Die Herstellung von Glas wurde zuerst wohl aus der Metallverarbeitung entwickelt. So können bei der Metallverhüttung farbige glasartige Schlacken entstehen, die den Anstoß zur Glasherstellung gegeben haben dürften. Im Übergang von der Spätantike zum Frühmittelalter werden Glasperlen zu einem weitverbreiteten Fundgut. Vor allem auf den Gräberfeldern der Merowingerzeit finden sich zahlreiche Perlen, die als Ketten getragen mit in die Gräber von Frauen und Kindern gelangten. Beispiele aus Sachsen-Anhalt lassen sich in Klein Gräfendorf, Kleinjena, Osterwohle oder Wiestedt finden, um nur einige Beispiele zu nennen.

Anhand dieser Grabkontexte kommen zahlreiche Perlen in einem Befund vor und verweisen auf verschiedene Problematiken:
Zum einen unterliegen Perlen Modetrends und können so chronologisch eingeordnet werden. Zum anderen weisen Perlen mitunter eine lange Laufzeit auf. Diesen Problemen hat man sich in den 1990er Jahren ausführlich über Korrespondenzanalysen genähert. Mit der Untersuchung großer Gräberfelder der Merowingerzeit lagen riesige Mengen an Fundmaterial vor. Es handelt sich um Datensätze, die schon allein aus ihrer Quantität zu wissenschaftlichen Aussagen wie der Chronologie herangezogen werden. Barbara Sasse und Claudia Theune haben anhand von zwei Gräberfeldern in Baden-Württemberg nachgewiesen, dass einzelne Perlen nur über Kombinationsgruppen mit anderen in eine Chronologie eingefügt werden können (vgl dazu Sasse/Theune/Vach 1996). Doppelkonische Perlen wie die vom Kloster Posa tauchen erst in Kombinationen auf, die von Sasse/Theune in die Zeit zwischen 610 und 720 datiert werden. Diese Datierungen stützen sie auf Gräber, die absolutchronologisch angesprochen werden können und zum Teil über Münzen datiert wurden. Laut den Autorinnen besitzen diese Ergebnisse für die Merowingerzeit überregional Gültigkeit, womit der Versuch einer Einordnung unseres Fundstücks in das 7.-8. Jh. bestehen kann.

Fotos: Philipp Baumgarten

Literatur

Bogen 2017
C. Bogen, Gräber aus 900 Jahren. Ein mehrperiodiger Bestattungsplatz von Klein Gräfendorf,
Saalekreis. In: H. Meller; M. Becker (Hrsg.), Neue Gleise auf alten Wegen II. Jüdendorf bis
Gröbers. Archäologie in Sachsen-Anhalt. Sonderband 26/II (Halle (Saale) 2017).
Dalidowski/Leßmann/Literski 2008

X. Dalidowski; C. Leßmann; N. Literski, Ein reich ausgestattetes Kindergrab der älteren
Merowingerzeit. In: Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Fund
des Monats. Dezember 2008. (https://www.lda-lsa.de/archaeologie/fund-desmonats/
2008/dezember-2008.de) zuletzt abgerufen: 22.03.2026.
Siegmann 2006

M. Siegmann, Bunte Pracht – die Perlen der frühmittelalterlichen Gräberfelder von Liebenau,
Kreis Nienburg/ Weser, und Dörverden, Kreis Verden/Aller. Chronologie der Gräber,
Entwicklung und Trageweise des Perlenschmucks, Technik der Perlen. Beiträge zur Ur- und
Frühgeschichte Mitteleuropas 5 (Langenweißbach 2006).
Bock 2002

H. Bock, Kasten- und Baumsärge und wertvoller Schmuck. Ein karolingerzeitliches
Körpergräberfeld der Sachsen bei Osterwohle. In: H. Bock (Hrsg.), Hünengräber –
Siedlungen – Gräberfelder. Band 1: Von der Altsteinzeit bis ins Frühmittelalter. Beiträge zur
Kulturgeschichte der Altmark und ihrer Randgebiete 7 (Salzwedel 2002).

Sasse/Theune/Vach 1996
B. Sasse; C. Theune; W. Vach, Perlen als Leittypen der Merowingerzeit. Germania 74, 1
(1996).

Schneider 1982
J. Schneider, Zum Stand der Frühmittelalterforschung der Altmark und im Elb-Havel-Winkel.
In: D. Kaufmann (Hrsg.), Jahresschrift für Mitteldeutsche Vorgeschichte 65 (Berlin 1982).